30.06.2014

Der Hoax mit der Entdeckung von Whistleblowern über die Netzfrequenz

Es ist Sommer 2014. Und wie immer zur Saure-Gurken-Zeit muss irgendwas her. Und da momentan die Geheimdienste eh in aller Munde sind, was liegt näher als einen Geheimdienst-Hoax auf den Weg zu bringen.

Hier versucht das ZDF ihn glaubhaft zu vermitteln. Dem Fachmann treibt es natürlich nur die Lachfalten ins Gesicht. Warum? Das wollen wir mal zusammen aufklären.


Hier der Link zum ZDF-Beitrag: http://www.heute.de/geheimdienste-nutzen-stromnetz-zur-ortung-von-whistleblower-33739554.html

Fangen wir mal beim Stromnetz an. Die Netzfrequenz beträgt 50Hertz (Hz). Was wir allerdings davon hören sind meist Harmonische (Oberwellen) dieser Frequenz. Transformatoren und zum Teil Motoren geben einen 100Hz Brummton ab. Warum 100Hz? Weil Transformatoren auf die Magnetfeldänderungen reagieren, nicht auf die Polarität. Soweit, so gut.

Im Beitrag wird gesagt, es gibt minimale Netzfrequenzänderungen, welche wie ein Fingerabdruck sind. Stimmt. Diese Schwankungen werden von verschiedenen Stellen gemessen und auch protokolliert. Das ist kein Geheimnis, kann übrigens jeder selbst zuhause durchführen. Muss man aber nicht, weil im ganzen Verbundsnetz sind die Schwankungen synchron. Ob man da nun in Flensburg oder Wien misst, überall erhält man das gleiche Ergebnis. Ich habe die Netzfrequenz bei mir zuhause mittels eines genauen Frequenzzählers selbst über längere Zeit mit einem der Frequenzanzeigen im Internet verglichen. Langweilig, weil die Ergebnisse waren exakt so wie erwartet. Allerdings musste ich den Frequenzzähler und das Speicheroszilloskop erst warmlaufen lassen.

Wie ist das Verbundnetz aufgebaut? Wikipedia und Google hilft.
Alles, was blau ist, hat exakt die gleiche Netzfrequenz. Weil ansonsten würde es knallen. Auch die Schwankungen sind überall gleich. Was folgt daraus? Wenn man eine perfekte Aufzeichnungstechnik zur Verfügung hat, könnte man im Nachhinein die Aufnahmezeit daraus ermitteln. Wow. Toll, oder? ;) Man weiss damit aber immer noch nicht, wo es aufgenommen wurde. OK, Westeuropa, soviel kann man sagen. Also für Geheimdienste wenig aussagekräftig. Übrigens ändert sich auch nichts an der Frequenz, wenn im Stromnetz einer Stadt Umschaltungen vorgenommen werden. Diese sind meist unmerkbar, da sie wenn es gut läuft, im Nulldurchgang erfolgen.

Allerdings verrate ich noch etwas, was im Beitrag nicht zur Sprache kommt: Viele Stadtnetze betreiben Schaltanlagen über das lokale Netz, sogenannte Rundsteuerempfänger. Und da gibt es für jede Stadt unterschiedliche Frequenzen und Signale. Diese hört man an Transformatoren oder anderen Verbrauchern mit Brummanteil teilweise recht deutlich als Tut-Tut, meist zur vollen Stunde oder kurz bevor die Straßenlaternen angehen. Aufgrund dieser Signale könnten die Geheimdienste es schonmal auf die Stadt herunterbrechen, so diese Signale überhaupt auf der Aufzeichnung landen.

Und hier kommen wir zum zweiten Teil der Geschichte. Angeblich könne man durch Netzbrummen auf einer Aufzeichnung heraushören, wann und wo diese Aufzeichnung entstand. Theoretisch.

Zum einen ist dieses Netzbrummen meist extrem leise, wenn überhaupt auf der Aufnahme vorhanden. Und selbst wenn es stark hörbar wäre, eine Auswertung auf Schwankung im Millihertzbereich ist eine Illusion.

Fangen wir mit der althergebrachten analogen Tonbandaufzeichnung an. Diese ist mechanisch durch einen Motor angetrieben. Die Frequenzschwankungen dort betragen ein vielfaches der Netzfrequenz, üblicherweise bei guten Bandmaschinen bis zu 0,5%. Das bleibt auch Hi-Fi-Ohren nicht verborgen. Kann man also knicken.

Videoaufzeichnung? Nööö. Warum? Dort wird im Halbbildverfahren aufgenommen, 25Hz. Somit bekommt man über das Bildsignal schonmal, von Interferenzen durch Beleuchtung nichts mit. Bei analoger Bildaufzeichnung gilt gleiches wie bei analoger Tonaufzeichnung: Zu ungenau. Der Ton in den Aufnahmegeräten ist systembedingt noch schlechter als bei Tonbandgeräten. Egal ob eine normale Tonspur oder FM-Ton verwendet wird.

Gut, es gibt ja inzwischen fast nur noch digitale Aufzeichnung. Funktioniert das denn? Theoretisch schon, zumindest bei unkomprimierter Aufzeichnung und stabiler Frequenz der Digitaltechnik dahinter. Wird aber heutzutage kaum noch genutzt. Man nutzt stattdessen Komprimierungsverfahren. Dort wird dem Ton- und Bildmaterial alles weggerechnet, was der Zuschauer nicht sieht oder hört. Oftmals sogar mehr, siehe Klötzchen im Bild oder Artefakte im Ton. Da bekommt man gar nichts geheimes mehr heraus.

Telefon? Nö, wird fast überall digital verarbeitet und durch Zeitschlitze geführt. Frequenzen unter 300Hz werden brutal gekappt. Handy? Erst recht nicht, die Kompression nimmt da die letzte Illusion. Nicht nur das, durch Empfangsstörungen werden viele Tonpakete interpoliert.

Und noch ein Wort zu den Filter. Je schmalbandiger ein Filter ist, umso weniger Nutzinformationen bekommt man mit. Frequenzänderungen gehen mit Lautstärkeänderungen ein, welche aber von den schon vorhandenen Schwankungen nicht mehr unterscheiden kann.

Ja, und selbst wenn man alles dekodieren könnte, bliebe es dabei, man hätte einen Zeitstempel. Und wenn es gut läuft, durch die Rundsteuersignale sogar eine Stadt.
Kurz und gut, das Thema zerschellt im Nirvana. Nicht nur wegen einer Unzulänglichkeit, sondern wegen vieler.

Update:
Es gibt tatsächlich jemanden, welcher dieses Thema genauer analysiert hat. Einiges bestätigt meine Darstellung. Aber tatsächlich hat er es geschafft, unter kontrollierten Bedingungen den Netzbrumm auszuwerten. Allerdings weniger zur Ermittlung von Kriminellen, sondern um festzustellen, ob das Aufnahmematerial manipuliert wurde. Bleibt also dabei, das Signal bleibt einzig als alternativer Timecode für Aufnahmen interessant. Allerdings nur bei wenigen Aufnahmemedien. Ich verlinke mal direkt zu der Ausarbeitung, sie ist sehr interessant. Vielen Dank an Johannes von Schadowitz für das tolle Fundstück. Wer ebenfalls noch Ausarbeitungen findet, kann sich gerne bei mir melden.

Hier der Link: http://www.forensicav.ro/download/2006-05-23%20ENF%20AES%20Paris%20Grigoras_.pdf
Viel Spaß...